Bindungsorientierte Pädagogik
Bindung - Das unsichtbare Band
Bindung ist für unser Leben so essentiell wie Nahrung oder Luft zum Atmen, sie sichert unser Überleben. Je empathischer und feinfühliger Bezugspersonen einem Kind begegnen, d.h. die Signale des Kindes richtig wahrnehmen, diese richtig interpretieren und prompt und angemessen darauf reagieren, desto wahrscheinlicher
wird dieses Kind eine sichere Bindung zu der Bezugsperson entwickeln.
Eine sichere Bindung gilt als lebenslanger Schutzfaktor und macht Kinder stark und resilient. Sicher gebundene Menschen besitzen mehr Bewältigungsstrategien, können sich besser regulieren und sind stressresistenter. Sie können stabile und langfristige Beziehungen zu Mitmenschen eingehen, sind zufriedener und verfügen nachweislich über einen besseren psychischen und körperlichen Gesundheitszustand. Auch können sie empathischer und feinfühliger ihren Kindern begegnen.
Traumatisierte Kinder und Jugendlichen, haben oft andere Bindungserfahrungen machen müssen. Viele von ihnen zeigen Verhaltensweisen und Symptome, die auf schwere Bindungsstörungen und Bindungstraumatisierungen (d.h. desorganisierte Bindungsstile) zurückzuführen sind.
V.a. sehr frühe traumatische Erfahrungen sind prägent und haben massiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung, Beziehungsgestaltung und Identitätsentwicklung. Auch wenn Kinder durch ihre Bezugspersonen z.B. schwer misshandelt werden, binden sie sich an diese. Ein Kind hat keine Wahl, Bindung bedeutet Überleben. Dieser emotionale Spagat zw. Bindungsperson und misshandelnder Person verursacht schwere Schäden und führt oft zu zahlreichen psychiatrischen Folgeerkrankungen.

Bindungsorientierte pädagogische Arbeit
Die gute Nachricht: Bindungsmodelle sind flexibel und lassen sich durch feinfühlige Interaktionserfahrungen neu gestalten.
Das Bindungssystem bleibt veränderungsbereit, alte Wunden können somit heilen. Bindungsqualitäten aus frühkindlichen Situationen lassen sich auf tragfähige therapeutische und pädagogische Beziehungen übertragen und können hier in einem empathischen und sicheren Setting neu modifiziert werden, d.h. neue heilende Erfahrungen können sich über die sich langsam zurückentwickelnden traumatischen Erfahrungen legen.
Wir berücksichtigen in unserer pädagogischen Arbeit die bisherigen Bindungserfahrungen der jungen Menschen.
Wir kennen unsere eigenen Bindungserfahrungen und wissen die daraus resultierenden Erwartungen und Beziehungsfallen. Durch gezieltes Beobachten in Alltagssituationen und eine ausführliche Anamnese erfassen wir die Bindungs- und Beziehungserfahrungen, Beziehungserwartung und -gestaltung, wichtige, stärkende Bindungspersonen sowie wichtige, verunsichernde Bindungspersonen der jungen Menschen in ihrem sozialen Umfeld und im Herkunftssystem.
Unsere Angebote richten sich individuell danach aus, wie viel Beziehung die jungen Menschen brauchen und v.a. aushalten können. Um die richtige „Beziehungsdosis“ zu finden, berücksichtigen wir die biografischen Hintergründe der jungen Menschen.
Zur Unterstützung einer sicheren und einschätzbaren Beziehungsgestaltung verfügen wir im Arbeitsalltag über gezielte Stabilisierungsansätze für uns selbst (v.a. in Bezug auf belastende Beziehungserfahrungen mit Kindern/Jugendlichen). Wir reflektieren die tägliche Beziehungsgestaltung unter dem Aspekt der Reinszenierung von Beziehungserwartungen im Team und in der Supervision und versorgen uns dementsprechend. Die Kinder und Jugendlichen erhalten gezielte pädagogische Angebote, u.a. sicherheitsfördernde Botschaften, Erklärungsmodelle, wie und weshalb wir uns ihnen gegenüber dementsprechend verhalten, transparente Gruppenregeln etc. Die Bindungsbedürfnisse der jungen Menschen werden eingehend analysiert und eine mögliche Versorgung erarbeitet. Bindungsrelevante Situationen wie z. B. Übergänge und Trennungen gestalten wir bewusst. Durch ein erhalten die Kinder und Jugendlichen regelmäßige Einzelkontakte.

